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Jean-Michel Maulpoix hat bis zum heutigen Tag etwa zwanzig Werke, Gedichte wie Kritiken, veröffentlicht, die ihn zu einem bedeutenden Vertreter der zeit genössischen französischen Poesie haben werden lassen. Der Dichter, der sich selbst als Vertreter einer ?kritischen Lyrik? bezeichnet, steht im Kontext der Gattungstradition moderner und zeitgenössischer Lyrik (Char, Michaux, Réda, Jaccottet etc.). Zu seinen wichtigen Werken zählen Un Dimancheaprès-midi dans la tête, Une Histoire de bleu (bei Poésie Gallimard wiederaufgelegt), Domaine public und der kürzlich erschienene Band Boulevard des Capucines.Literarhistorische Arbeiten (Du Lyrisme, Le Poète perplexe und Adieux au poème, alle bei Corti erschienen) markieren den Weg eines Dichters, der niemals Schreiben und Nachdenken voneinander trennte, was nicht zuletzt das von ihm selbst gegründete? l'Observatoire de lapoésie contemporaine? (Arbeitskreis zur zeitgenössischen Poesie) an der Universität Paris XNanterre belegt, wo Maulpoix seit zehn Jahren unterrichtet.

Eine Geschichte vom Blau

Jean-Michel Maulpoix: Eine Geschichte des Blau.

Übersetzt von Margret Millischer, das muss vorweg gesagt werden. Ohne die Fleißarbeit begabter Übersetzer würde man zwischen Rhein und Oder nicht wirklich allzu viel erfahren über die großen literarischen Strömungen in der Welt. Und über die Begnadeten da in unseren Nachbarländern. Eine Tauchnitz-Edition, die die besten Stücke der aktuellen Weltliteratur auch in Deutschland zugänglich macht, gibt es ja nicht mehr. Und auch in der gern sich selbst ernennenden Elite ist ein gut Teil der Debattanten schon mit Denglisch überfordert – und streckt bei Französisch schon die Waffen. Griechisch und Latein gehören schon längst nicht mehr zum Repertoire.

Das Bildungsbürgertum ist mausetot. Es lebe: Rilke.

Der hat noch in zwei Sprachen gedichtet. Und er hat einst in einem hinsinnierten Nebensatz geäußert: "Es ließe sich denken, dass jemand eine Monographie des Blau schriebe."

Das steht denn auch als Motto im Buch. Aber der 1952 geborene Jean-Michel Maulpoix hat zum Glück nicht wirklich eine Monographie dieser Farbe geschrieben. Maulpoix ist nicht nur Literaturprofessor und gibt die quartalsweise erscheinende Literaturzeitschrift "Le Nouveau Recueil" (Die neue Sammlung, für Romantiker unter den Lesern: Die neue Blütenlese) heraus, er schreibt und veröffentlicht auch seit Jahren regelmäßig Essays und Lyrik.

Und da wäre man bei der Geschichte des Blau, mit der ein faszinierendes Stück französischer Gegenwartslyrik einmal wieder die Sprachschranke überspringen darf. Und siehe da: Baudelaire lebt. Oder besser: Der große Atem seiner Lyrik lebt fort, das, was er selbst nach den "Blumen des Bösen" dem Leser eigentlich vorenthielt – die Ernüchterung nach dem Rausch. Mancher kennt ja den 1821 Geborenen nur als alter ego zu Edgar Allen Poe mit seinem tiefen Pessimismus, seiner selbst im Foto unübersehbaren Melancholie und dem unerbittlichen Hang zu Drogen und Alkohol, den beiden Hauptgründen für seinen frühen Tod.

Seine Bildgewalt wirkt bis heute. Und wer eine Farbe nennen sollte für die Ertrunkenen und die die nassen Friedhöfe in seinen skurrilen Balladen, der wird schnell auf ein dunkles, fast schwarzes Blau kommen.

Melancholisch ist auch Maulpoix. Und auch bei ihm spielt das Meer eine unübersehbare Rolle. Auch über die Tode in den nassen Fluten schreibt er. Ein ganzes Kapitel widmet er den "Verschiedenen Todesarten", die fast sämtlich nass sind. Doch es ist das Vorletzte von insgesamt neun Kapiteln, von denen jedes einzelne eine neue Erkundung ist. Nicht nur der Farbe Blau, auch wenn sie i allen Schattierungen und Stimmungen die Texte durchzieht, die eine vage Balance halten zwischen Prosa und Gesang, manchmal den hymnischen Ton Walt Whitmans aufnehmen, manchmal an die kurzen Prosastücke von Ritsos erinnern. Und damit natürlich auch daran, das es auch in der Lyrik Strömungen gibt, die nicht einfach abbrechen, bloß weil in irgendeiner Pariser Kneipe ein paar junge Burschen ein Manifest schreiben und eine neue Mode deklarieren.

Trotzdem fallen Kritiker aller Fachrichtungen gern auf solche Manifeste herein und negieren fortan alles, was nicht in die erwählte Schule passt. Da vergisst man auch gern das Sensorium für gelungene Texte. Texte, die sich auftun wie kleine Aquarellbilder und in hingetuschten Strichen eine Landschaft zeigen – mal wolkenverhangen, mal herbstlich trübe, mal geschwängert von nahenden Unwetterfronten, mal auch klar und groß wie nach einem heftigen Sommerregen. Himmel und Meer spielen ihre Hauptrollen in Maulpoix Texten, in denen es nur nebenbei tatsächlich um die Farbe Blau geht, sondern so komplizierte Dinge wie Liebe, Trauer, Sehnsucht und Hoffnung. Den ganzen Gefühlsballast, mit dem sich jeder durch sein Leben schiebt. Die einen bedrücken oder auch daran erinnern, dass Leben tatsächlich ein Strandgut ist. Genauso vergänglich wie der heutige Tag.

Doch das letzte Kapitel heißt dann: "Letzte Nachrichten von der Liebe". Liebe, die natürlich vergänglich ist und zuweilen auch in Schiffbrüchen endet, in Trauer und Verlust. Oder in der Erinnerung an das Blau einer Schleife, eines Blickes, eines Himmels.

Der Verlag hat Hermine von Jandas "Himmel und Meer" als Coverbild gewählt. Es hätte auch Caspar David Friedrichs "Mönch am Meer" sein können oder Monets "Felspyramide von Port-Coton bei rauer See". Fast hätte man sich sogar einen festen Einband und ein blaues Lesebändchen gewünscht. Denn es ist tatsächlich Lyrik zum Eintauchen, zum Drinbaden und Treibenlassen. Eine fragmentarische Annäherung an das große Werden und Vergehen, wie es uns täglich umtost. Auch wenn sich nicht viele die Zeit und die Muße gönnen, dem großen Rauschen zuzuhören und zu widerstrebend zu akzeptieren, dass am Ende alles dem Meer gehört.

Uns Menschen gehören nur der Tag und das Blau.

Jean-Michel Maulpoix "Eine Geschiche vom Blau", Erata Literaturverlag, Leipzig 2009, 16,95 Euro.

Ralf Julke

Über das harte Handwerk des Schreibens: Der Geistschreiber

 

Jean-Michel Maulpoix: Der Geistschreiber.
Natürlich ist es ein Spiel mit Worten, wenn Jean-Michel Maulpoix seinen 1994 erschienenen Essay-Band "L'écrivain imaginaire" nennt. Das erinnert natürlich an Molières "Eingebildeten Kranken". Aber das Wort "imaginaire" hat so seine Tücken. So kann man es hier nicht übersetzen, fand denn auch Jürgen Strasser.

Er hat Maulpoix' Essay jetzt ins Deutsche geholt. So weit das möglich ist. Und das ist es natürlich nicht 100prozentig. Dessen ist sich Strasser bewusst. Oft genug spielt der 1952 geborene französische Literaturprofessor nicht nur mit den Nuancen und Chamälionaden seiner Sprache, er greift auch munter hinein ins Zitate-Repertoire der französischen Literatur. Sein Forschungsobjekt: der imaginäre Autor. Das Wort hat sich nicht ohne Grund über die Sprachgrenze gerettet und ist mit "eingebildet, scheinbar, nur in der Vorstellung bestehend" nur in Teilen erklärt, ist in wesentlichen Komponenten viel näher mit dem lateinischen Ursprungswort imago verwandt, dem Bild und dem Sich-ein-Bild-machen.

 



Da ist schon erstaunlich, wie die deutsche Wort-Fügung ein-gebildet entstehen konnte aus der keineswegs schlüssigen Symbiose mit (angemaßter) Bildung. Dazwischen liegen Welten – und verraten sehr viel über deutsche Sprach-Boshaftigkeit.

Und auch darüber, dass ein deutscher Literaturprofessor wohl niemals so ein Buch schreiben könnte, ohne zwischen U und E, Hoch und Nieder, Klassisch und Avantgardistisch, Links und Rechts in die moralische Klemme zu geraten.

Es ist erholsam, wieder einmal zu lesen, wie farbenfroh, locker und nachdenklich sich über Literatur-Machen schreiben lässt, wenn man den deutschen Moral-Ballast nicht mitschleppen muss. Wenn man wie Maulpoix seine Gedankenfäden bei den ganz Großen und am Ende nie wirklich Einsortierten anknüpfen kann. Zuallererst natürlich bei jenem Burschen, der am 12. Dezember wieder einmal Geburtstag hat: Gustave Flaubert, ein Felsen, an dem sich die Kritiker die Rücken schaben und der die Literatur-Sezierer dereinst mit dem Satz erschreckte: "Madame Bouvary – das bin ich."
 
Kein anderer Autor in Frankreich hat sich so intensiv mit den Nöten und Schweißtropfen des Schreibens beschäftigt, so intensiv und detailversessen an seinen Sätzen gearbeitet, aus denen er seine Romane baute. Der Bursche scheint recht leibhaftig durch die ersten Kapitel von Maulpoix' Essay zu wandeln, exemplarisch für den latenten Widerspruch zwischen Schreiben und Leben, den Flaubert natürlich aushalten musste. Und da gibt es einiges auszuhalten, wie Maulpoix zu schildern weiß. Denn: "Ein Schriftsteller ist ein imaginäres Geschöpf. ... Er existiert nicht, er tut nur so." Denn natürlich entsteht das, was er zu sagen hat, erst, wenn er es mit schwarzer Schrift auf weiße Blätter gebannt hat, geschliffen, geformt, ausgebeult und zurechtgehauen, bis der Satz tatsächlich dem entspricht, was der Einsame am Schreibtisch – so ungefähr – fassen wollte.

Es sind auch recht pessimistische Szenen, die Maulpoix da teilweise malt, sich dessen gut bewusst, dass es ohne so eine Selbst-Kasteiung nicht geht, dass die Sprache viel Mühe braucht, bis sie so lebt und leuchtet, wie es der Autor gern möchte. Und so lebt denn zwar das, was er schreibt – überlebt ihn sogar. Aber macht es ihn glücklicher? Lauert die persönliche Lebenskatastrophe nicht längst auf ihn? Wie erging es denn Baudelaire und Rimbaud, die Maulpoix natürlich auch zitiert? Strasser findet auch Zitate von Proust, Camus und Eluard.

Jeder wie beiläufig ertappt bei dem Versuch, die lebendige Wirklichkeit mit Geschichten, Parabeln und Gedichten zu übertrumpfen – doch jeder kleine Triumph augenscheinlich erkauft mit Verlust an eigenem Leben. "Durchlöchert von Wörtern und zerfressen von Versen ..." – Man beneidet sie nicht. Ahnt aber, dass es ohne dieses Verausgaben nicht geht. Dass es ohne das einen Großteil der wirklich faszinierenden Weltliteratur nie gegeben hätte. Literatur, die so unvergänglich wirkt, wenn sie – schön gebunden – im Regal steht. Und der Autor, dieser imaginäre? – Augenscheinlich erfährt er eben doch, wie die Schreib-Arbeit an ihm nagt, wie sein Leben sich in Worte verwandelt und nicht nur das Leben tickt, sondern auch der Tod seine Rechnung stellt.

Für einen 42-Jährigen ein sehr wehmütiges Buch, gespickt mit etlichen Ausflügen – an die Loire, nach Oostende, nach Paris. Ausflüge, die nur auf den ersten Blick wie kleine Reise-Feuilletons wirken, auf den zweiten aber auch nur wieder das Thema Leben umkreisen– als Reise, Ebbe und Flut, dem Betrachten des Meeres. Keine Streiflichter aus Reiseführern. Eher kleine Miniaturen über die scheinbar so nebensächlichen Dinge des Alltags, die den Orten und Zeiten erst die unverwechselbare Farbe geben und die Atmosphäre, die sie vertraut macht.

Und die erst durch ihre genau erarbeitete Dichte das erzeugen, was Leser aus wirklich guten Romanen und Gedichten kennen: die Faszination der Gegenwart – und die stille Furcht, genau diesen Moment wieder zu verlieren.

Man sieht: Er ist nicht zu beneiden, dieser fiktive Schriftsteller, den Maulpoix hier aus diversen Kollegen der schreibenden Zunft erzeugt hat. Er kann einem Leid tun. Und man versteht doch ein wenig, warum er sich so quält. Denn ohne diesen "Mann mit einem Kreideherz" gäbe es keine dieser Geschichten, die man jederzeit aus dem Regal holen kann, wenn einem die Wirklichkeit zu grau, zu faserig, zu löcherig erscheint.

Da kommt der 12. Dezember gerade wieder recht. Da lohnt es sich, sich mit Maulpoix hinzusetzen, einen netten Wein zu schlürfen und alleweil den Kopf zu schütteln über diese unvernünftige Gilde der Dichter, die an einer Romanfabel basteln, als müsste sie unbedingt 100 Jahre halten und mehr. Wer tut das heute schon noch? Es ist so herrlich anachronistisch, sich vorzustellen: Die modernen Pécuchets beim Lesen von Flaubert ...

Jean-Michel Maulpoix "Der Geistschreiber", Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2009

Ralf Julke